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Photos von Vladimir Rolov

 

Russisch – Deutsche Lebenswelten

 

von Vladimir Rolov

 

 

 

1. Schwiegermutter auf Kundschaft

 

Noch zu Stalins Zeiten wurden die internierten Wolgadeutschen in besonderen Bezirken in Sibirien und Kasachstan angesiedelt. Diese Siedlungen trugen entsprechende Namen:

„Lenins Traum“,  „Glückliche Reise“ und andere nicht weniger vieldeutige.

Es kamen die 80er Jahre, und die Bewohner all dieser Kolchosen und Sowchosen brachen von einem Tag auf den anderen ihre Zelte ab und gingen nach Deutschland. Urgroßmütter und Urgroßväter, Enkel und Urenkel, die ganze Verwandtschaft, das ganze Dorf packte ein paar Lebensmittel, die Samoware und die Bibeln ein, sprachen ein Gebet und machten sich auf den Weg in ihre historische Heimat. Aber nicht alle. Es gab auch welche , die nichts riskieren wollten und warteten bis die ersten dort Wurzeln schlugen und die Zurückgebliebenen nachholten (oder ihnen davon abrieten). Inzwischen warteten sie auf Nachricht und rannten dreimal täglich zum Briefkasten.

Auch Anna Weber bekam Briefe aus Deutschland. Sie war eine agile 60-jährige Rentnerin, die es von Natur aus ablehnte, irgendetwas zu glauben, das sie nicht mit den Augen sehen oder mit den Händen greifen konnte. Ihre Tochter Julia war vor einem halben Jahr mit ihrem Mann Viktor zu uns nach Kulmbach gezogen und hatte ihr geschrieben. Julia bat ihre Mutter nachzukommen. Sie war keine Schriftstellerin, und es war ihr nicht gegeben, in den Briefen ihr Leben in Oberfranken so richtig auszumalen.

Anna Weber ärgerte sich über ihre Tochter und bat sie immer wieder etwas ausführlicher zu erzählen , wie die Leute sind, wie sie leben, und was es in den Geschäften gibt. In ihrem letzten Brief schimpfte sie ihre Tochter so aus, dass Julia das Blatt mit dem Gekritzel ihrer Mutter erbost ihrem Mann hinwarf und erklärte: „Da , diesmal antwortetst du! Sie ist für dich doch keine Fremde – immerhin ist sie deine Schwiegermutter. Hast du vergessen, wie oft sie dir Büffel einen Wodka eingegossen hat?“

Viktor, der nicht der Typ des Selbstmörders war, beschloß, nicht mit seiner Frau zu streiten, nahm ein Blatt Papier und schrieb seiner Schwiegermutter einen Brief: „Servus, Schwiegermutter! Brennst du noch Schnaps? Wir trinken hier Bier. Die Leute in der Stadt sind gut, nur einige sind etwas komisch. Die Männer haben bis zu drei Ringe in den Ohren und die Mädchen sind kahlgeschoren oder haben grüne Haare. Fleisch gibt es in den Geschäften massenweise und hunderte Wurstsorten. Vor Weihnachten werfen sie Fernseher und Kühlschränke auf die Straße und auch Möbel – solche wie sie unser Kolchosedirektor aus der DDR mitgebracht hat, nur noch schöner. Es gibt hier ein Geschäft, das heißt X., aber darüber will ich nicht schreiben -.  Ich habe Angst vor meiner Frau.“

Dieser Brief wurde im Dorf zwanzig Mal vorgelesen. Dann sagte der Direktor Koch: „Es muß sein. Los, Anna, du mußt auf Kundschaft gehen und zu deiner Tochter fahren. Wenn es dort wirklich Mädchen mit grünen Haaren gibt, dann fahre ich nicht.“

Das Flugzeug mit der Schwiegermutter landete in Nürnberg. Als Julia ihre Mutter sah fing sie an zu weinen: der uralte Mantel, die abgetragenen Schuhe und das unverwechselbare Kopftuch, das in Russland alle alten Frauen tragen.....Auch die Mutter weinte anstandshalber mit, aber nicht ganz so lange. „Na, Mutter, hast du nichts anderes zum Anziehen“, fragte die Tochter unter Tränen. „Aber wovon hätte ich etwas kaufen sollen Julchen? Das Geld war alle. Das letzte, siehst du, habe ich für die Zähne ausgegeben!“ Und sie lächelte stolz mit ihren zwei goldenen Zahnprothesen. Während sie in der Nacht nach Hause fuhren, erzählte die Mutter alle Neuigkeiten aus dem Dorf. Als sie die für ihre Begriffe riesige Drei-Zimmer-Wohnung ihrer Kinder sah, schaute sie ihren Schwiegersohn zum ersten Mal seit vielen Jahren mit Hochachtung an. „Wieso haben sie dir eine solche Arbeit zugeteilt, Viktor? Sag, hast du eine so gute Arbeit?“ – „Nein, Schwiegermutter, das ist eine Sozialwohnung. Ich bin zur Zeit arbeitslos.“ – „Und wie kannst du sie bezahlen?“ – „Aber ich muß überhaupt nicht zahlen, das zahlt der Staat.“

Sie konnte lange nicht einschlafen und wälzte sich dauernd auf ihrem ungewohnt weichen Lager hin und her. Das alles war für sie unbegreiflich. Warum hatte er, ihr nichtsnutziger Schwiegersohn, so viel Glück? Er arbeitete nicht, war aber satt, die Kinder hatten Schuhe und Kleider, vor dem Haus da stand das Auto, und die Wohnung mit den Möbeln war umsonst.

Am Morgen gingen die Kinder in die Schule. Julia und Viktor fuhren zum Sprachkurs, und die Mutter beschloß das Mittagessen vorzubereiten.

Währen sie am Herd beschäftigt war klingelte jemand an der Tür. Es war die Nachbarin. „Sie sind also die Mutter von Julia?“ fragte sie lächelnd im Kulmbacher Dialekt. „Ich habe Ihnen hier etwas mitgebracht. Schauen Sie,  vielleicht passt es.“ Und sie schob zwei riesige Plastiksäcke voller Kleidungsstücke in den Gang. Anna war so verblüfft, dass sie ihr ganzes Deutsch vergaß, das sie doch von Kindesbeinen an gelernt hatte.

In den Säcken waren: ein praktisch neuer Karakulschafpelz, eine Lederjacke für Frauen, 9 teure Kostüme, Kleider, kurze Jacken, ein Haufen Blusen, 6 Paar Schuhe und ein bayerisches Trachtenkostüm. Alles neu oder fast neu. Als die Mutter diesen Reichtum sah, erfasste sie ein solcher Schrecken, dass sie die Sachen wieder zusammenpackte und beide Säcke zur Nachbarin zurück trug. Sie läutete, wollte schon wieder weglaufen, nahm sich dann aber zusammen. Die Nachbarin war ganz traurig: „Hat Ihnen wirklich gar nichts gepasst?“ – „Doch“, sagte Anna,  „Die Sachen sind wunderschön. Nur, ich kann sie nicht kaufen. Ich müsste zehn Jahre lang dafür arbeiten – ohne Essen und Trinken – um sie zu bezahlen.“  Als Julia und Viktor heim kamen konnte das Missverständnis aufgeklärt werden und das Geschenk der Nachbarin wurde mit Tränen der Dankbarkeit entgegengenommen.

Das kostete Anna noch eine schlaflose Nacht. Ein Karakulschafpelz war für sie ein so herrlicher und absolut unerfüllbarer Traum wie für die meisten von uns, sagen wir, ein Haus mit Marmorsäulen und Swimmingpool. Einen solchen Pelz hatte sie nur einmal in ihrem Leben zu Gesicht bekommen. Das war, als die Verkäuferin im Bezirkskaufhaus einen vorführte. „Ich verstehe das nicht“, dachte sie zum hundertsten Mal: „Wie ist das möglich? Ich verstehe das nicht.“

Am nächsten Tag fuhr die Familie zum Supermarkt um Einkäufe zu machen. Dort lief gerade eine Werbeaktion für Wein und Käse. Viktor führte seine Schwiegermutter von Stand zu Stand, wo man ihr reichlich Kostproben anbot. Anna trank einen Schluck Wein und bekam einen Schwips – ganz überraschend für sie, denn sie konnte sonst ein Glas Wodka auf einen Zug austrinken. Und dann führte Viktor sie zur Fleisch- und Wurstabteilung. Beim Anblick dieser Mengen von Esswaren brach die Schwiegermutter in Tränen aus: so etwas hatte sie noch nie gesehen!

Tag für Tag verging. Anna freundete sich mit ihren Nachbarn an. Einige Male wurde sie zum Kaffee eingeladen. Kaffee hatte sie in Kasachstan höchstens einmal in ihrem Leben getrunken. Immer wieder kamen Leute und brachten ihr Kleidung oder Schuhwerk. Schwiegersohn und Tochter zeigten ihr die Plassenburg und das Zinnfigurenmuseum. Der Monat verging wie im Traum. Es wurde Zeit wieder heimzukehren. Bei Anna hatten sich so viele Geschenke angehäuft dass sie zwölf riesige Kartons zusammenpacken musste. Deshalb beschloß man, die Mutter nicht mit dem Flugzeug sondern mit dem Zug reisen zu lassen der vom Prager Bahnhof abging.

Nachdem sie die Mutter ins Abteil verfrachtet hatten, wo sie zwischen all ihren Kartons fast keinen Platz mehr hatte, wollten sie sich schon verabschieden. Da musste Anna – ob aus Nervosität oder aus sonst einem Grund – unbedingt noch einmal auf die Toilette, die – es war ein russischer Waggon – natürlich verschlossen war. Sie mussten sie also in den Bahnhof begleiten. Aber da mussten sie vor der Toilette Schlange stehen.

Viktor und Julia wurden langsam nervös. Bis zur Abfahrt des Zuges waren es nur noch fünf Minuten. Genau in dem Augenblick, in dem Anna endlich zu ihren Kindern zurück kam, ertönte das Signal zur Abfahrt. Viktor nahm die Schwiegermutter wie ein Kind auf den Arm und stürzte auf den Bahnsteig. Der Zug und mit ihm zwölf Kisten Geschenke fuhren langsam an.

„Weg vom Trittbrett“ schrie Viktor den Schaffner an, einen stämmigen Ukrainer. Der Zug rollte noch nicht schnell und sie hätten es noch schaffen können. „Nicht erlaubt“ sagte der Schaffner, dem Viktor 20 Mark gegeben hatte, damit er unterwegs auf die Schwiegermutter aufpasste. „Mach Platz, los! Ich zahle!“ brüllte Viktor mit Anna auf dem Arm, die sowieso nichts verstand und versuchte, mit dem rollenden Zug Schritt zu halten. „Nicht erlaubt, habe ich gesagt.“ Der Schaffner hatte es offensichtlich auf die Pakete der Schwiegermutter abgesehen.

Der Zug hatte schon ganz schön an Geschwindigkeit zugelegt. Das Ende des Bahnsteiges wurde sichtbar. Viktor hatte Angst dass die Schwiegermutter noch zwei Tage bis zum nächsten Zug in Prag bleiben könnte, und sie mit ihr, und das verlieh ihm ungeahnte Kräfte. Er lief im Eilschritt neben dem Waggon her und flehte den Schaffner an die Notbremse zu ziehen, egal was es koste. Aber der Zug fuhr immer schneller, schneller, schneller – und plötzlich hielt er! Viktor konnte noch nicht an sein Glück glauben, raffte nochmals alle Kraft zusammen und warf Anna wie einen vollen Getreidesack in die Eingangstür des Waggons, wo – mit gespreizten Beinen, wie man es bei amerikanischen Polizisten sieht – sein ehemaliger sowjetischer Landsmann stand.

Der Zug hielt deswegen, weil ein deutscher Reisender die Notbremse gezogen hatte, als er sah was auf dem Bahnsteig vorging. Viktors Herz wollte fast zerspringen, und vor seinen Augen wurde es dunkel – mehr, weil er gekränkt als weil er erschöpft war. Julias Gesicht – sie war mit Annas Geld und Papieren hinter ihm hergerannt – war tränenüberströmt.

Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, und genau in diesem Moment gingen die Beine des Schaffners plötzlich auseinander und zwischen ihnen erschien der Kopf der Schwiegermutter. „Halt, Halt!“ schrie sie. Julia blieb das Herz stehen: was denn jetzt noch, oh Gott?! „Was gibt’s denn, Mama, was denn?“ Sie und Viktor liefen schnell hinter dem Zug her. „Wir haben vergessen, uns einen Kuß zu geben“, rief die Schwiegermutter, „einen Abschiedskuß!“

Nach eineinhalb Jahren gab es in dem Dorf, in dem Anna lebte, keinen einzigen Deutschen mehr. Alle siedelten in die Bundesrepublik über. Ein Teil von ihnen lebt jetzt in Kulmbach. 

 

 

 

 

 

2. Der Gegenbesuch

 

Deutsche Aussiedler und einheimische Deutsche unterscheiden sich in ihrem Denken, ihren Sitten und Gebräuchen wesentlich mehr als gemeinhin angenommen wird. Die Rußlanddeutschen , die in die Bundesrepublik kommen, versuchen zwar, den Lebensstil ihrer einheimischen Landsleute zu verstehen, möchten ihn auch übernehmen, aber das gelingt ihnen nur selten. Und sollten sie das überhaupt versuchen? Soll man sein eigenes Wesen verleugnen, wie es sich gebildet hat, wie es sich in der eigenen Persönlichkeit ausgeformt hat?

Ist es nicht vernünftiger, das Beste aus den beiden Kulturen zu nehmen, anstatt die eine Kultur mit der anderen zu vertauschen, und etwas Eigenständiges zu schaffen, das unserem Leben neuen Schwung verleiht – wie neues Blut?

Sascha und Anna Pitrow haben immer auf dem Dorf gelebt. Nur ein einziges Mal sind sie für eine Woche nach Moskau gefahren. Sie kehrten gerne nach Hause zurück, denn sie waren zu Tode erschrocken über den Lärm und das Menschengewühl in der seelenlosen Hauptstadt, und ihr sehnlichster Wunsch war, niemals mehr ihr Heimatdorf verlassen zu müssen.

Aber die Zeiten ändern sich. Mit einem Mal bekam die bis dahin nur von Deutschen bewirtschaftete Kolchose als neuen Leiter einen Kasachen. Der brachte seine Verwandtschaft, seine Freunde und Bekannten mit – natürlich ebenfalls Kasachen - , die dort alle Schlüsselpositionen besetzten.

So lernte der Mann im Dorf ein Phänomen kennen, das „kasachischer Staatsnationalismus“ heißt.: die dort ansässigen Deutschen wurden nämlich gezwungen, ihre angestammten Wohnsitze zu räumen. So auch die Pitrows. Obwohl ihnen die schrecklichsten Erinnerungen an ihre Moskauer Reise noch in den Knochen steckten, flogen sie mit dem Flugzeug um die halbe Welt und landeten schließlich im Land ihrer bayerischen Vorfahren. Beim Anblick der riesigen Bauten des Münchener Flughafens waren die sowieso schon eingeschüchterten Aussiedler am Boden zerstört.  Anna und ihre Kinder drängten sich ängstlich um den Vater, dem aber ebenfalls die Knie zitterten. Sie wurden bei uns in M. untergebracht, wo sie langsam wieder auflebten. Das ruhige, sympathische Städtchen war genau der Ort, wo sich die Familie gut eingewöhnen konnte. Die Erfahrungen ihres dörflichen Lebens hatten die Familie eines gelehrt: Wenn du in der Welt leben willst, freunde dich mit deinen Nachbarn an!  Solche Freunde fanden sie in der Kirchengemeinde M.. Besonders gute Beziehungen entwickelten sich zur Familie Schmidt, die die Aussiedler unter ihre Fittiche nahm. Die Schmidts kümmerten sich gleich um die Garderobe der Pitrow-Kinder und kleideten sie von Kopf bis Fuß neu ein. Als Anna die Geschenke ansah, fand sie auch völlig neue Sachen darunter, die die Schmidts offensichtlich eigens für ihre – Annas - Kinder gekauft hatten. Das Geld hatten sie von ihrer sowieso nicht großen Rente abgespart.

Schließlich luden die Schmidts das Ehepaar Pitrow zum Essen ein. Es wurde folgendes aufgetischt: Salat, vier Sorten Käse, sechs Sorten Wurst, Spargel, Fleisch, Kartoffeln, danach Kaffee, Eis und Süßigkeiten. Berta hatte eine handgearbeitete Tischdecke und ebensolche Servietten aufgelegt, einen herrlichen Blumenstrauß hingestellt und Kerzen angezündet. Das wertvolle alte Geschirr, mit dem sie die Tafel schmückte, hatte Frau Schmidt von ihrer Mutter geerbt, die alles bei Beginn der alliierten Bombenangriffe im Keller vergraben hatte. Bevor die Gäste kamen, hatte Berta schnell eine Platte von Tschaikowski aufgelegt. Sascha und Anna waren sehr nervös: sie fürchteten, irgend etwas falsch zu machen, und als sie die von Berta hergerichtete Tafel sahen, vergingen sie fast vor Angst.

Die Hausfrau bat sie, Platz zu nehmen. Sascha und Anna ließen sich langsam auf die Kante ihrer Stühle nieder und saßen starr da und wagten nicht, sich zu rühren, um nicht dummerweise etwas umzustoßen. Den letzten Rest gaben den Gästen die vielen Messer und Messerchen, Gabel und Gäbelchen, Löffel und Löffelchen, die um die drei Seiten des Tellers herumlagen. Sascha riß die Augen auf und sah seine Frau schweigend an. Berta hatte ein herrliches Essen zubereitet, aber das Ehepaar Pitrow bekam das garnicht richtig mit, denn seine ganze Aufmerksamkeit wurde von dem Gedanken beansprucht: Womit, was und wann sollen wir essen?

Endlich wurden sie von diesem Alptraum erlöst. Nachdem Schmidts Sascha und Anna verabschiedet hatten, sahen sie einander betreten an. „Hör mal, Ralf“ sagte Berta, „es hat ihnen scheinbar nicht gefallen.“ Ralf, der nicht weniger ratlos war als seine Frau, zuckte nur mit den Schultern.

Auch in der Familie Pitrow wurde über dieses Essen gesprochen. Sascha und Anna  –von Natur aus taktvolle und liebe Leute – stellten zu ihrem großen Kummer fest, dass sie vor lauter Angst etwas wichtiges versäumt hatten, nämlich, den Schmidts die Möglichkeit zu geben, ihnen etwas Gutes zu tun. Deshalb erklärte Anna kurzentschlossen ihrem Mann: „Jetzt laden wir sie eben auch mal ein. Und wir werden ihnen unser Essen, das kasachische Essen, vorsetzen!“ Gesagt getan. Auf die Minute genau, mit der Pünktlichkeit einer Schweizer Uhr, erschienen die Schmidts im Aussiedlerwohnheim. Sie wurden von der gesamten Familie Pitrow, von deren Wohnungsnachbarn und von den Verwandten der Nachbarn, die bei ihnen Urlaub machten, und noch weiteren 5 oder 6 Freunden begrüßt. In dem kleinen Zimmer, wo die Pitrows seit ihrer Ankunft hausten, standen drei zusammengeschobene Küchentische, die statt mit Tischtüchern mit auseinander geschnittenen Plastiktüten gedeckt waren. Es gab offensichtlich zu wenig Stühle. Man hatte deshalb Bierkästen hingestellt, um alle Leute am Tisch unterzubringen. Dafür machte aber der Tisch alles wett. Der bog sich nämlich unter den Köstlichkeiten: 5 Sorten Salat mit frischem und gekochtem Gemüse, mit Pilzen und Fleisch und auch mit Hering, verschidene Arten von Eingelegtem, Pilze, Tomaten, Gurken, die man eigens zu diesem festlichen Anlaß in einem mobilen Geschäft eingekauft hatte, das russische und kasachische Spezialitäten verkauft, drei verschiedene Arten von geräuchertem Fleisch. Es standen da Kasserollen mit dampfenden Manten, kleinen Pastetenstückchen und Borschtsch.  Zum Borschtsch gab es leckere Piroggen mit Fleisch und Kartoffeln. In der Küche warteten noch Fischpiroggen, die auch gegessen werden wollten. Auf dem Herd brutzelte eine in süßer Trockenpflaumensoße geschmorte Ente. Aber die Krönung des Ganzen bildete die „Ucha“ (Fischsuppe) aus Karpfen, die in einem Emailleeimer gekocht wurde, damit es für alle reichte, und die dann auch im Eimer auf den Tisch kam. Von ihr ging ein Duft aus, ein so unbeschreiblicher Duft!  Nein, hier musste man Poet sein, um diese erregenden Gerüche beschreiben zu können! Selstverständlich stand auf dem Tisch auch Wodka in eisgekühlten Flaschen. 

Man nahm geräuschvoll Platz, jeder, wo er konnte. Die Gäste bekamen die besseren Plätze, und das Festmahl begann. Den ersten Toast brachte man auf die liebe Familie Schmidt aus. Berta und Ralf tranken tapfer das Glas aus und machten sich dann an die Salate. Frau Schmidt hatte sich vorgenommen, von allem zu probieren und bei der Gelegenheit auch das Rezept zu erfahren. Jedes Rezept versetzte sie in Begeisterung. Sie konnte nicht verstehen, warum solche im Grunde einfachen Gerichte so gut schmeckten, und probierte immer weiter und versuchte dabei hinter Annas Kochgeheimnisse zu kommen. Und Glas auf Glas wurde geleert, und als der Borschtsch aufgetragen wurde, ging es am Tisch schon ziemlich laut und lustig her. Aus der Ecke, wo Schmidts saßen, in dessen Kopf es auch schon recht lustig zuging, erscholl unaufhörliches Gelächter. Ralf wischte sich die Tränen aus den Augen und rief seiner Berta über den Tisch zu, dass er sich noch nie so gut amüsiert habe.

Plötzlich riefen die Russen: „Hurra, Jascha ist da!“, und ein großer Mann mit Akkordeon setzte sich an den Tisch. Als erstes gossen sie ihm ein Glas Wodka ein, das er in einem Zug austrinken musste. Dann schoben sie die Tische zur Seite und Jascha begann zum Tanz aufzuspielen.

Sofort forderte der alte Isaak Berta auf und tanztem mit ihr eine Polka. Dann forderte sie ein anderer zum Walzer auf. Dann verlor sie völlig die Übersicht in diesem vrrückten Haus und tanzte mit solcher Hingabe wie vor 40 Jahren bei ihrer Hochzeit. Ralf stand seiner Frau in Nichts nach. Es kamen und gingen immer neue Gäste, das ganze Fest verlagerte sich auch in die Küche und der unermüdliche Jascha spielte und spielte und gönnte weder sich noch den Tänzern eine Pause.

Die Schmidts kamen erst spät nach Mitternacht heim. 30 Leute begleiteten sie. Ein ziemlich angeheiterter, glücklicher Ralf gab allen einen Kuß, bevor Berta ihn endlich durch die Haustür bugsieren konnte. Als er endlich im Bett lag, fragte er seine Frau: „Berta, erinnerst du dich noch? Bei uns auf dem Dorf war es genau so lustig. Berta, warum ist das alles nicht mehr so?“

Von diesem Tag an änderte sich alles in den Beziehungen zwischen den Pitrows und den Schmidts: die Verkrampftheit war verschwunden – Offenheit und Herzlichkeit traten an ihre Stelle.

Nach diesem fröhlichen russischen Gelage begriff Berta, dass sie mit ihrem Essen, mit ihrem ganzen Familiensilber und Porzellan des Guten zuviel getan hatte. Und sie bewunderte auch den Takt der Familie Pitrow, mit dem diese ihr das klar gemacht hatte. Kürzlich traf ich die Schmidts auf der Straße. Sie teilten mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, dass sie eben beim Notar gewesen waren und ihr Testament aufgesetzt hatten. Nach ihrem Tode geht ihr Haus an die Familie Pitrow über. Anna und Sascha wissen davon noch nichts. Nun, und wir werden nichts verraten.

 

 

 

 

 

 

 

 

3.  Zweiter Frühling

 

Kurt Sommer ist mein guter Freund. Er ist Unternehmer und Inhaber eines exklusiven Möbelgeschäfts in Hof. Vor 2 Jahren hat sich Kurt von seiner Frau Carmen scheiden lassen. Seine Ex-Frau hatte gemeint, dass ihr persönlicher Wert mit den  Jahren gewachsen sei, und angefangen, meinem Freund wegen seines ihrer Ansicht nach krankhaften Geizes Vorhaltungen zu machen. Kurt meinte beispielsweise, dass Carmen ebensogut mit einem Corsa fahren könnte und dass ein Porsche für die Familie viel zu teuer käme. Und warum musste Frau Sommer ihre Kleider ausgerechnet in Paris kaufen ?  Sie könnte doch auch in Hofer Geschäften anständige und zehn Mal billigere Kleider bekommen.

Kurt spielte ausgezeichnet Gitarre. Die Gitarre hat uns auch damals einander näher gebracht. Sie war aber gleichzeitig der Grund für den Ärger mit seiner Familie.Carmen konnte es nicht leiden, wenn Sommer stundenlang hinter seinen Noten saß und sich in seiner Kunst zu vervollkommnen versuchte. Sie mochte überhaupt nur die Band "Quenn", wenn es schon Gitarre sein musste.

Die Unredlichkeit der Frau in Geschäftsangelegenheiten gab der Ehe den Rest. Sie besorgte die Buchhaltung des Geschäfts und suchte stets nach Möglichkeiten, für sich einiges hinter dem Rücken ihres Mannes abzuzweigen. Im Klartext: sie stahl einfach Geld.

Als Kurt mit Carmen verheiratet war, war er schon einsam genug, aber nach der Scheidung verfiel er völlig in Trübsinn. Ich musste meinem Frund irgendwie helfen. Da dachte ich an Maria Engel. Sie war vor einem halben Jahr aus Kasachstan zu uns gekommen. Maria ist eine einzigartige Frau. Sie vereinigt in sich die drei Kulturen ihrer früheren Heimat: die Kultur der Wolgadeutschen, die russische und die kasachische. Sie besitzt keine besondere Bildung, aber deutsch sind ihre Klugheit und ihr praktischer Sinn, russisch ihre Selbstlosigkeit und Herzensgüte und kasachisch ihre Weisheit und Gelassenheit. Das half Maria auch, mit den Schicksalsschlägen fertig zu werden, die sie immer wieder getroffen hatten: drei Jahre nach ihrer Heirat kam ihr Mann in Moskau bei einer Schlägerei unter Saufbrüdern ums Leben. Sascha, ihr einziger Sohn, starb mit zehn Jahren in ihren Armen - er hatte Leukämie. Die Familie hatte 100 km von dem Testgelände in Semipalatinsk entfernt gewohnt, wo die sowjetischen Behörden jahrzehntelang in krimineller Manier darüber geschwiegen hatten, welch tödliche Gefahr der dortigen Bevölkerung durch die Atomversuche drohte. Maria hatte auch einen Freund, den sie heiraten wollte, aber es klappte nicht: es tauchte eine erfolgreichere Nebenbuhlerin auf. Nach alledem hielt Maria nichts mehr in diesem Land, und sie zog nach Deutschland. Kurt und Maria lernten sich in einem Cafe´ kennen, wohin ich sie beide unter einem völlig an den Haaren herbeigezogenen Vorwand bestellt hatte. Beide wussten worum es ging, und vor dem Treffen war ihre Stimmung auch sehr gedämpft. Aber als Kurt Maria sah, als er einmal in ihre wunderschönen Augen geblickt hatte, war es einfach um ihn geschehen. Genau darauf hatte ich gehofft.

Danach entwickelten sich die Dinge mit der Schnelligkeit eines Films. Sommer erschien fast jeden Tag bei uns, dafür schaute Maria überhaupt nicht mehr in mein Büro hinein, in dem sie früher ein häufiger Gast gewesen war. Warum wollen Sie wissen ?

Nun, dann heirateten sie, und mehr als ein Jahr hörte ich nichts mehr von den Sommers. Aber vor zwei Wochen erschien in meinem Büro überraschend eine Frau mit überwältigender Schönheit, mit ihrem jugendfrischen Kavalier: die Sommers.

Ich schaute Kurt und Maria an und erkannte sie kaum wieder. Mein lieber Freund war etwas fülliger geworden. Auf seinen Wangen lag das gesunde Rot eines wohlgenährten Mannes. Die Augen strahlten, besonders wenn er Maria mit ihnen ansah.

Aber Maria - nun, wie soll man eine glückliche Frau beschreiben ? Von ihr ging eine strahlende Wärme aus, die von Glück und Zufriedenheit zeugte. So etwas geht einem durch die Haut wie die Sonnenstrahlen. Es wärmt und schafft eine behagliche Atmosphäre. Wir trafen uns am Abend bei mir zu Hause. Während unsere Frauen uns etwas zum Essen herzauberten, konnte ich ein wenig mit meinem Freund plaudern.

Nachdem sie zu ihrem Mann gezogen war, hat sich Maria auch unverzüglich im Geschäft nützlich gemacht. Das erste war, dass sie die Putzfrau, die im Haus und im Laden arbeitete, entließ. Außerdem machte sie es sich zum Gesetz, nicht nur für Kurt sondern auch für das ganze Personal eine warme Mahlzeit zu kochen, womit sie mit einem Schlag die Zuneigung aller Mitarbeiter gewann.  Wenn sie Freizeit hatte, war sie bei ihrem Mann, machte sich gründlich mit seiner Arbeit vertraut, und nach einem halben Jahr arbeitete sie sebstständig am Computer mit dem Buchhaltungsprogramm. Eines Abends traf Kurt seine Frau mit der Gitarre an. Maria versuchte erfolglos, dafür aber umso hartnäckiger, das Lied "Oh, du lieber Augustin" auf einer Saite zu spielen.

Für Sommer war dies die schwerste Zeit seines Lebens: Angstvoll wartete er auf den Augenblick, wo dieses Glück enden würde. Aber auf der anderen Seite hatte auch Maria meiner Frau allerhand zu erzählen: "Ich habe mir nie vorstellen können, dass man so glücklich sein kann. Es ist wie im Märchen: Jeden Tag Blumen, Geschenke, wir gehen ins Theater, zu Freunden. Nachts schlafe ich, aber er schläft nicht. Er schaut mich mit solchen Augen an....solchen Augen wie ein Kind. Und wenn ich ihn eine halbe Stunde nicht sehe, habe ich schon Sehnsucht nach ihm. Deshalb suche ich im Geschäft ja alle möglichen Arbeiten, damit ich bei ihm sein kann."

Spät am Abend fuhren die Sommers heim nach Hof. Am Steuer des nagelneuen Porsche saß Maria:  Erstens hatten Kurt und ich kräftig Wodka getankt und zweitens war dies ihr eigenes Auto.Ihr Mann hat es ihr geschenkt. Sie waren kurz vorher damit nach Frankreich in den Urlaub gefahren, hatten auch kurz in Paris vorbeigeschaut, um Maria zwei, drei Paar Schuhe und Kleider für die nächste Saison zu kaufen. Kurt hatte es so gewollt. Er ist völlig aus dem Häuschen vor Glück: er darf sich darauf vorbereiten, Vater zu werden.

 

 

 

 

 

 

 

                                                     

 

 

 

 

 

 

Wird fortgesetzt                             

 

 



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